Peripheres Nervensystem und Spinalnerven

Aus Vonrudorff
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Das periphere Nervensystem dient als Rezeptor‑ und Effektororgan des ZNS. Ein peripherer Nerv kann folgende Informationsqualitäten leiten:

  1. somatomotorische Efferenzen (Skelettmuskulatur),
  2. allgemeinsomatosensible Afferenzen (Haut, körperöffnungsnahe Schleimhäute, Bewegungsapparat),
  3. speziell‑somatosensible Afferenzen (Auge, Ohr),
  4. allgemein‑viszeromotorische Efferenzen (Sympathikus, Parasympathikus),
  5. speziell‑viszeromotorische Efferenzen (Gesichts‑, Kau‑, Kehlkopf‑, Schlundmuskulatur),
  6. allgemein‑viszerosensible Afferenzen (innere Organe),
  7. speziell‑viszerosensible Afferenzen (Riechschleimhaut, Geschmacksknospen). Seh‑, Hör, Riech‑ und Geschmackswahrnehmung werden auch als sensorische Afferenzen zusammengefasst.

Ein Nerv kann eine oder mehrere dieser Informationskategorien führen (rein sensibler, rein motorischer oder gemischter Nerv). Generell unterscheidet man Hirnnerven von Spinalnerven. Die Hirnnerven treten aus dem Gehirn aus und versorgen den Kopf‑ und Halsbereich, die Spinalnerven treten aus dem Rückenmark aus und versorgen einen Teil des Halses, sowie Rumpf und Extremitäten.

Anders als Hirnnerven treten die Spinalnerven in Segmenten geordnet aus dem Wirbelkanal aus, so dass jedem Intervertebralloch des Wirbelkanals ein Spinalnerv entspricht. Sie teilen sich in einen R. anterior und R. posterior. Die Rr. posteriores der Spinalnerven versorgen motorisch die autochthone Rückenmuskulatur, sensibel die mediale Haut des Hinterkopfes, Nackens, Rückens und des Gesäßes. Die Rr. anteriores ziehen im Fall der 12 Thorakalnerven segmental getrennt in die Peripherie, wo sie Innervationsgebiete haben, die jeweils einem Rückenmarkssegment entsprechen (im Bereich der Haut sog. Dermatome). Dies ist im Bereich der zervikalen, lumbalen und sakralen Spinalnerven anders. Die Rr. anteriores dieser Spinalnerven durchflechten sich nach Verlassen des Wirbelkanals und tauschen Fasern miteinander aus, so dass am Ende eines solchen Geflechts (Plexus) mehrere periphere Nerven vorliegen, die Fasern unterschiedlicher Segmente enthalten. Daher haben diese peripheren Nerven in der Peripherie Innervationsgebiete, die nicht segmental abgegrenzt sind. Gleichwohl aber enden die einzelnen Fasern dieser peripheren Nerven in ihrem Innervationsgebiet segmental getrennt. Man unterscheidet so segmentale und periphere Innervation.

Es gibt vier große Plexus: Plexus cervicalis, Plexus brachialis, Plexus lumbalis und Plexus sacralis.

Rumpfwandinnervation. Diese erfolgt nahezu ausschließlich über die Thorakalnerven (Thl‑Th2), die als segmental getrennte Interkostalnerven im Zwischenrippenraum am Unterrand jeweils einer Rippe vom Wirbelkanal nach vorne zum Sternum verlaufen. Sie innervieren motorisch die Interkostalmuskulatur und sensibel die darüberliegende Haut. Die Thorakalnerven Th7‑Th12 setzen nach dem Ende ihres Zwischenrippenraumes (der ja bereits vor Erreichen der Sternallinie endet) ihren nach abwärts gerichteten Verlauf fort und innervieren sensibel die Bauchwand sowie motorisch die großen Abdominalmuskeln.

Plexus cervicalis. Er bildet sich aus den Segmenten C1‑C4 und versorgt motorisch einen Großteil der Halsmuskeln sowie mit dem N. phrenicus, der zwischen Pleura und Perikard durch das Mediastinum abwärts zieht, das Zwerchfell (wichtigster Atemmuskel). Sensibel innerviert der Plexus cervicalis mit vier Hautnerven, die am Punctum nervosum an die Oberfläche treten, die Haut des Halses, der Schulter und eines Teils des seitlichen Kopfes (N. auricularis magnus, N. occipitalis minor, N. transversus colli, Nn. supraclaviculares).

Plexus brachialis. Die Spinalnerven C5‑Thl bilden den Plexus brachialis, der mit seinen peripheren Nerven die gesamte obere Extremität versorgt. Der Plexus bildet supraklavikulär drei Trunci (superior, medius und inferior), die sich anschließend infraklavikulär in drei Fasciculi (medialis, lateralis und posterior) umlagern, wobei aus den Trunci und aus den proximalen Fasciculi die 7 rein motorischen Nerven für die Schultergürtelmuskulatur, aus den distalen Fasciculi die 7 gemischten Nerven zur Versorgung des Arms und der Hand hervorgehen.

Die 7 Nerven des Plexus brachialis zur Schultermuskulatur sind:

  • N. dorsalis scapulae (C5)
  • N. subclavius (C5-C6)
  • N. subscapularis (C5-C6)
  • N. suprascapularis (C5-C6)
  • Nn. pectorales (C5-C6)
  • N. thoracicus longus (C5-C7)
  • N. thoracodorsalis (C6-C8)

Die 7 Nerven aus den Fasciculi für Arm und Hand werden im folgenden kurz beschrieben:

N. cutaneus brachii medialis (C8‑Th2) und N. cutaneus antebrachii medialis (C8‑Th1). Beide gehen aus dem Fasciculus medialis hervor, sind rein sensibel und versorgen die mediale Haut des Arms (N. cutaneus brachii medialis: Oberarm, N. cutaneus antebrachii medialis: Unterarm).

N. ulnaris (C8‑Th1). Gemischt sensibler und motorischer Nerv. Er geht ebenfalls aus dem Fasciculus medialis hervor, läuft am medialen Oberarm nach distal, zieht an der Streckerseite um den Ellenbogen herum (Sulcus n. ulnaris, Vertetzungsgefahr!) und innerviert am Unterarm den M, flexor carpi ulnaris sowie M. flexor digitorum profundus (ulnarer Anteil). An der Hand Aufspaltung in R. profundus (rein motorisch für die Muskulatur des Kleinfingerballens) und R. superficialis (rein sensibel, für IV. und V. Finger). Der Ausfall des N. ulnaris führt zum klinischen Symptom der Krallenhand.

N. musculocutaneus (C5‑C7). Dieser gemischte Nerv geht aus dem Fasciculus lateralis hervor, läuft an der Ventralseite des Oberarms nach distal und innerviert motorisch den M. coracobrachialis und die beiden Oberarmbeuger (M. biceps brachii und M. brachialis). Sensibel innerviert er die laterale Haut des Unterarms.

N. medianus (C6‑Th1). Kräftiger gemischter Nerv, der aus den Fasciculi medialis und lateralis gemeinsam entsteht. Läuft an der Medialseite des Oberarms nach distal, passiert ventral die Ellenbeuge und innerviert anschließend alle Unterarmbeuger (mit Ausnahme von M. flexor carpi ulnaris und ulnarem Anteil des M. flexor digitorum profundus) sowie alle Pronatoren. Ebenfalls vom Unterarm aus innerviert er die radialen zwei Drittel der Hohlhand. Er zieht anschließend durch den Karpaltunnel (Einklemmungsgefahr ‑ Karpaltunnelsyndrom) und innerviert in der Hohlhand motorisch die Daumenballenmuskulatur sowie sensibel Teile der Finger I‑III. Der Ausfall des kompletten N. medianus verursacht das klinische Symptom der Schwurhand.

N. axillaris (C5‑C6). Gemischter Nerv, der aus dem Fasciculus posterior hervorgeht und um das Collum chirurgicum des Humerus herum nach dorsal zieht (Verletzungsgefahr bei Schulterluxationen und Knochenbrüchen!). Dort tritt er durch die laterale Achsellücke aus, versorgt den M. teres minor und M. deltoideus sowie die Haut über dem M. deltoideus,

N. radialis (C5‑C8). Geht aus dem Fasciculus posterior hervor und ist gemischt sensibel und motorisch. Zieht von medio‑proximal nach latero‑distal im Sulcus N. radialis um den Humerus herum (Verletzungsgefahr bei Knochenbrüchen!). Am Unterarm Aufteilung in den rein sensiblen R. superficialis und den rein motorischen R. profundus. Motorisch versorgt er die gesamte Streckermuskulatur des Arms, sensibel den hinteren und laterokaudalen Oberarm, den dorsalen Unterarm und die lateralen zwei Drittel der dorsalen Handfläche mit dem Daumen und Teilen der Finger II‑III. Der Ausfall des N. radialis verursacht das klinische Symptom der Fallhand.

Plexus lumbosacralis. Kaudal an die Thorakalnerven schließt sich der Plexus lumbalis (Th 12‑L4) an, der über die Wurzel L4 mit dem kaudal folgenden Plexus sacralis (L4‑S3) verbunden ist, so dass beide zum Plexus lumbosacralis zusammengefasst werden.

Plexus lumbalis. Aus dem Plexus lumbalis gehen folgende 6 Nerven hervor:

  • N. iliohypogastricus
  • N. ilioinguinalis
  • N. genitofemoralis
  • N. cutaneus femoris lateralis
  • N. obturatorius
  • N. femoralis

Die Nn. iliohypogastricus und ilioinguinalis (beide Th12‑L1) innervieren die Bauchwand in ihrem kaudalsten Bereich motorisch und sensibel.

Der N. genitofemoralis (L1‑L2) zieht mit einem Ast durch den Leistenkanal, mit dem anderen unter dem Leistenband durch, versorgt motorisch den M. cremaster sowie sensibel das Skrotum bzw. die Labia majora und das gegenüberliegende Hautareal des Oberschenkels bis auf die ventrale Seite.

N. cutaneus femoris lateralis (L2‑L4). Rein sensibler Nerv, der ganz lateral unter dem Leistenband zur Haut des lateralen Oberschenkels verläuft, die er vollständig innerviert.

N. obturatorius (L2‑L4). Gemischter Nerv. Läuft etwas unterhalb der Linea terminalis an der Wand des kleinen Beckens entlang (Verletzungsgefahr bei Beckenbrüchen!) und zieht durch das Foramen obturatum an die Medialseite des Oberschenkels. Er innerviert sämtliche Adduktoren des Oberschenkels (M. pectineus nur partiell) und die Haut an der medialen distalen Oberschenkelhälfte.

N. femoralis (L1‑L4). Kräftigster Nerv des Plexus lumbalis, gemischt sensibel und motorisch. Verlauf am M. psoas entlang, Durchtritt durch die Lacuna musculorum unter dem Leistenband. Motorisch innerviert er den M. quadriceps femoris, den M. sartorius und den M. pectineus sowie den M. iliopsoas, also alle Strecker im Knie‑ und alte Beuger im Hüftgelenk. Sensibel versorgt er die Haut des ventralen Oberschenkels (Rr. cutanei anteriores) und des medialen Unterschenkels (N. saphenus).

Plexus sacralis. Die 4 (5) Nerven des Plexus sacralis sind:

  • N. gluteus superior
  • N. gluteus inferior
  • N. cutaneus femoris posterior
  • N. ischiadicus, der sich in N. fibularis und N. tibialis gliedert

N. gluteus superior (L4‑S1). Rein motorischer Nerv mit Beckenaustritt durch das Foramen suprapiriforme. Innervation der Mm. glutei medius und minimus. Verletzungsgefahr durch fehlerhafte intramuskuläre Injektion (Ausfall verursacht das Trendelenburg-Zeichen).

N. gluteus inferior (LS‑S2). Ist rein motorisch und tritt durch das Foramen infrapiriforme aus dem Becken aus. Er innerviert den M. gluteus maximus (der typische Hüftstrecker) und kann ebenfalls durch unsachgemäße intramuskuläre Injektion geschädigt werden.

N. cutaneus femoris posterior (S1‑S3). Rein sensibler Nerv mit Beckenaustritt durch das Forarnen infrapiriforme. Versorgt das kaudale Gesäß und den gesamten dorsalen Oberschenkel.

N. ischiadicus. Enthält bereits bei seinem Beckenaustritt durch das Foramen infrapiriforme getrennt den N. fibularis und den N. tibialis.

N. fibularis communis (L4‑S2). Gemischt sensibel und motorisch, verläuft dorsal bis zum Kniegelenk (dabei Innervation des M. biceps femoris, Caput breve), wendet sich dann um das Fibulaköpfchen herum (Verletzungsgefahr!) nach vorne und teilt sich in N. fibularis superficialis und N. fibularis profundus. Der N. fibularis superficialis versorgt motorisch die Mm. fibulares und sensibel den Fußrücken und lateralen Fußrand. Der N. fibularis profundus innerviert motorisch die gesamte Streckermuskulatur des Unterschenkels und des Fußes sowie sensibel den Interdigitalraum I. Ausfall des N. fibularis verursacht das Symptom des Hahnen‑ oder Steppergangs.

N. tibialis (L4‑S3). Vorwiegend motorisch, verläuft auf der Dorsalseite des Beins bis zum Fuß, umrundet kaudal den Malleolus medialis (Verletzungsgefahr!) und endet an der plantaren Fußfläche. Innerviert motorisch am Oberschenkel die ischiokrurale Muskulatur (Ausnahme M. biceps femoris, Caput breve), am Unterschenkel die gesamte Beugermuskulatur, am Fuß alle plantaren Fußmuskeln. Sensibel versorgt er zusammen mit dem N. fibularis den dorso‑distalen Unterschenkel, weiterhin die gesamte Fußsohle.

N. pudendus. Dieser geht unabhängig vom Plexus lumbosacralis aus dem Plexus pudendus S2‑S4 hervor. Er verlässt das Becken im Foramen infrapiriforme, zieht im Foramen ischiadicum minus wieder ins Becken ein und verläuft in der Fossa ischioanalis entlang dem unteren Schambeinast nach ventral. Versorgt motorisch den Beckenboden, sensibel den Dammbereich und das äußere Genitale. Ausfall des Nervs verursacht Harn- und Stuhlinkontinenz. <img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/14d64737973d43a7bfa31758c518ca27" width="1" height="1" alt=""></img>